Draußen

An einem Tag wie diesen…
Ich hatte Ausgang. Genauer gesagt, Ausfahrt. Ich habe eine kaputte Maschine in die Werkstatt gebracht und Ersatzteile besorgt, Substrate und Dünger abgeholt. Freunde und Kollegen besucht habe ich nicht.

Episode 1.
Bei der Autovermietung
Ich bin früh da, trotzdem stehen schon 4 Leute vor mir an, darunter zwei Pärchen. An der Tür steht: „Bitte einzeln eintreten!“ und „Bitte nur die Fahrer hereinkommen!“ Und: „Eintritt nur mit Mundschutz!“. Alle warten mit gebührenden Abstand in einer unregelmäßigen Reihe mitten in der Einfahrt. Eine gerade Schlage gibt es ja auch nicht, vor allem nicht in Deutschland, da wollen wir nie wieder hin. Und außerdem sind wir garnicht in Deutschland geboren.
Hinter mir knallt einer eine große Kiste mit Ladungssicherung aufs Pflaster. Er schnauft. Vorn geht die Tür auf, der erste Kunde geht rein, kommt gleich wieder raus, zieht eine Maske auf und geht wieder rein.
Dann ist das erste Pärchen dran. Sie mit, er ohne. Drinnen ist Ruhe.
Hinter mir schnauft es. Gefühlsmäßig 10 cm hinter meinem Nacken. Ich denke an den Salzstreuer und rücke unauffällig demonstrativ nach vorn.
Mir gehen so einige Gedanken über das Tragen von Masken durch den Sinn. Durch einen Zufallsfund bin ich neuerdings im Besitz einer FFP3-Maske mit Ausatemventil, die ich locker über die Stirn gezogen habe. Diese Masken haben die Eigenschaft, nicht an den Ohren befestigt zu werden, sondern am Nacken und am Hinterkopf. Man muss sie also über den Kopf mit der gesamten gesammelten Haarpracht streifen, es ist ein wenig umständlich.
Einfacher sind eindeutig die Masken, die hinter den Ohren mit einem Gummiband festgezogen werden und sich beim Sprechen gerne zwischen Nase und Oberlippe formieren.
Dann bin ich dran. Drinnen einfache Stoffmasken, keine Handschuhe, Papiere, Ausweis, Führerschein, EC-Karte wandern über den Tresen und wieder zurück. Im Zweifelsfall sind meine Karten jetzt kontaminiert. „Werden die Fahrzeuge nach oder vor Gebrauch desinfiziert?“ frage ich. Etwas zu schnell: „Darum kümmert sich unsere Werkstatt!“ Immerhin ist der Autoschlüssel in einen Briefumschlag vertackert. Wahrscheinlich das Zeichen, dass der Schlüssel ein Desinfektionsmittel gesehen hat.
Am Transporter nehme ich mein Fläschchen Handdesinfektion, nehme meine Maske ab.
Dann wische ich alle Bedienteile des Transporters großzügig mit meiner Handdesinfektion ab.
Ich steige ein und denke guten Tag, Herr Wachtmeister, ich habe nichts getrunken….

Episode 2
In der Werkstatt
Ich bin im Süden Brandenburgs in einer Werkstatt, die sich typenoffen mit Landmaschinen beschäftigt. Zwei große Maschinen stehen im Hof. Ich stelle den Transporter ab, streife die Maske über und gehe hinein. Hinter dem Tresen Leere. Von fern höre ich Stimmengewirr. Ich rufe laut Gutenmorgen. Moin!. Auf- und abschwellendes Stimmengewirr. Ich gehe weiter und treffe in einem kleinem Raum, fast schon eine Kammer, dreizehnPersonendichtandichtsitzendundsichunterhaltend. Ohne Masken. Sicherheitsabstand geschätzt 2-10 cm. Alle gucken mich an mit meiner Matte und der Maske als wäre ich ET.
Ich trage mein Anliegen vor, der Werkstattmeister hilft mir beim Ausladen.
Zum Schluß noch die Frage, nun ja, nach den Regeln. Der Meister sagt, wir sind hier aufm Dorf. Wir kennen uns alle. Wir wissen, mit wem wir Kontakt haben, in der Stadt ist das natürlich anders. Zum Abschied noch ein Bleibt gesund!

Episode 3
Im Verkehr
Fahrrad
Ich fahre ungern auf Radwegen, die nicht benutzungspflichtig sind. Zum einen sind sie gefährlich, Einfahrten, Ausfahrten, Rechtsabbieger, Baustellen, man kennt das, zum anderen sind sie schlecht für die Gelenke, es sei denn sie sind asphaltiert. Die Fahrradwege, nicht die Gelenke. Man kennt das auch zu normalen Zeiten, wenn man geschnitten, bedrängt, angehupt, beschimpft, bedroht wird.
Kurz: Es hat sich nichts geändert.
Kraftfahrzeug
Es ist weniger Verkehr. Es wird weniger gedrängelt. Aber es wird weiter durchgehend zu schnell gefahren. Ich habe mir im Lauf meines Lebens angewöhnt, immer ein Strich unter 60 kmH zu fahren in der Stadt, Also Tacho-59, sozusagen. Damit komme ich gut durch, auch wenn ich in Berlin auf einer Spur in einer Richtung gleich halb Berlin hinter mir habe.
Kleiner Schlenker in die Republik Irland. Ich: „Ich fahre mal links ran.“ Die beste Beifahrerin aller Zeiten: „Hast du wieder halb Irland hinter Dir!“
Aber Premiere war, dass ich in einer solchen Straße an einer Bushaltestelle rechts überholt worden bin.

Episode 4
Bei Hartmut Buchwald
Hartmut Buchwald ist mittlerweile einer Berliner Institution. Durch sein Engagement funktioniert die „Tomatenparade“ mit immer größerem Erfolg.

https://www.buergerstiftung-berlin.de/projekte/tomatenparade

Hier werden Kindern die Vielfalt und vor allem das Wachsen und Reifen von Tomaten vermittelt. Hartmut Buchwald ist Pensionär, er zieht die Tomaten an. In den Gartenarbeitsschulen, die jetzt geschlossen sind, werden sie an die Schulen in den Bezirken verteilt. Jetzt müssen also alle Pflanzen von Hartmut Buchwald in Spandau abgeholt werden. Dazu gibt es noch gespendete Substratziegel aus Kokosfasern und einen mineralischen Dünger von den Berliner Wasserbetrieben, der aus einer Recyclinganlage gewonnen wird.
https://www.bwb.de/de/6946.php

Hartmut Buchwald ist ein freundlicher Herr, der seine Stoffmaske überzieht und leise spricht. Als „Entschädigung“ hat er kleine Papiertüten mit seltenen Tomatensorten und einer Tomatenfibel gepackt. 65 Schulen haben sich angemeldet, welche Schulen ihre Pflanzen, Erden und Dünger abholen, weiß er noch nicht. Wir verabschieden uns mit den mittlerweile üblichen „Bleib gesund!“

Episode 5
Bei Edeka
Einlasskontrolle. Zutritt nur mit Maske und Einkaufswagen, der angeblich als Distanzwaffe. Ältere Herrschaften rutschen offensichtlich so durch. Die bewährte Einkaufstaktik, einer stellt sich an, die oder der Andere rafft zusammen, kann wohl nicht aufgegeben werden. Das gilt vor allem an der Kasse, wenn sich der Gatte „schon mal anstellt“ und die bessere Hälfte noch die Sonderangebote studiert, von wo sie dann in letzter Sekunde durch die Warteschlange sticht um noch die letzte Beute aufs Band zu kippen.
An den Theken haben sie zweikistenhohe Barrieren aus Kindl-Jubi aufgestellt. Anfangs hat mir das milde Pils zugesagt, jetzt gibt mir die Verwendung als Viren-Barrikade zu denken. In Meinen Gedanken gibt der Geschäftsführer lachend zu, sich darüber keine Gedanken gemacht zu haben. Also wenn jemand unter akutem Kindl-Jubi Mangel leidet: Bei Edeka lohnt sich der Sturm auf die Wurst-Barrikade. Käse, Fleisch und Wurst übrigens fast komplett ohne Maske und Handschuhe.

Episode 6
Beim Schneider
Beim Schneider meines Vertrauens liegt seit Dezember eine Arbeitshose, die am Knie durchgescheuert ist und einen Flicken bekommen soll. Er hat zwei neue Arbeitshosen gekürzt, er weiß also, ich habe zwei Hosen und brauche die dritte Hose nicht unbedingt.
Dann kam ein Familienfall und danach Corona.
Jetzt hat er wieder auf, ich erkundige mich nach dem Befinden. Gleich fängt er an zu suchen und er muss lange suchen, bis er die Hose gefunden hat. Nicht fertig. Durch den Familienfall hatte er 10 Tage geschlossen und hat auch nicht gearbeitet. Durch Corona hat er gearbeitet aber keine Kunden gehabt. Jetzt hat er bergeweise Kunden und Arbeit, alles superdringend.
Mir wird schlagartig bewusst, was mich zu solchen Menschen hinzieht. Selbst im Negativen – Scheiß-Hose immer noch nicht fertig, was machst Du! – gibt es eine Grundstimmung aus gelassener Freundlichkeit, die im Verlaufe des Kontaktes – ja, wie soll ich sagen, immer intimer? – wird. Es wird auch eine räumliche Distanz immer geringer, Man fühlt sich regelrecht hingezogen, man hat Verständnis (man hat ja noch zwei Hosen), man ist entspannt, hinterlässt natürlich zum dritten Mal seine Telefonnummer und ist auch ohne Terminversprechen „ich rufe Dich an, wenn sie fertig ist!“ zufrieden.

Episode 7
Im Bauhaus
Strenge Einlasskontrolle. Stahlhart Maske und Einkaufswagen. Ich darf mein Fahrrad bei ihnen stehen lassen und bekomme zu meiner Verwunderung sofort alles, was ich brauche. Ich stelle fest, dass ich in den letzten Wochen einem Massenartikel im Spezialhandel nachgejagt bin.
Alle Beschäftigten mit Maske, teilweise sogar mit Filter, kein Wunder, wir sind im Baumarkt, da ist FFP2 und FFP3 Standard gewesen.
An der Kasse alles mit Schirm, Charme, Handschuhen und Maske, den Bon bekomme ich mit einer Grillzange.
Aber dann.
Die Einlasskontrolle hat Besuch bekommen, offensichtlich Familie, stehen dicht zusammen, Maske heruntergezogen, laut plaudernd. Dann „Melde Dich mal wieder“, Umarmung, Tschüss. Immer mit gutem Beispiel voran.

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