Weidenhaus – Weidenspinne – Arachnodrom

Weidenspinne - Weidenhaus - Arachnodrom
Die August-Heyn-Gartenarbeitsschule ist die letzte noch verbliebende Gartenarbeitsschule in Neukölln, die am 27.07.1995 auch ihren Namen erhielt.
Sie wurde 1958 auf den Ackerflächen des ehemaligen Britzer Rittergutes eingerichtet. Auf einer Fläche von 3,3 ha haben hier Neuköllner Kinder und Jugendliche die Möglichkeit, außerhalb ihrer Klassenräume, Natur zu erleben und den verantwortungsvollen Umgang mit ihr zu erlernen. Der Unterricht vor Ort ist bestens dazu geeignet, die Schüler und Schülerinnen durch praktische Arbeit zu direkter Auseinandersetzung mit biologischen Themen in ihrem eigenen
unmittelbaren Erfahrungs- und Erlebnisbereich anzuregen. Durch die Struktur und ihren eigenen Anspruch, ist die August-Heyn-Gartenarbeitsschule Neukölln als legitimer Nachfolger der 1. Gartenarbeitsschule August Heyns anzusehen.
Dank bezirklicher Gelder konnten in den Jahren 1994 und 1995 ein Gewächshaus und ein Erweiterungsbau des Schulgebäudes errichtet werden, so dass eine ganzjährige Nutzung der Gartenarbeitsschule durch Schulklassen möglich ist.
Für Unterichtsaktivitäten stehen Klassenzimmer – ausgestattet mit Overheadprojektor, Binokularen, Mikroskopen, Messgeräten zur Boden- und Wasserchemie- oder unser „Klassenraum im Freien“ zur Verfügung.

Zusätzlich bilden jedoch aktuelle Themen aus dem Bereich der Natur- und Umwelterziehung einen besonderen Schwerpunkt der Gartenarbeitsschule.
Durch die gärtnerische Arbeit und die Übernahme von Verantwortung für den Lebensraum, können Inhalte verschiedener Fächer im Anwendungsbezug umfassend erlebt, erkundet und verstanden werden. Die Schüler und Schülerinen leben durch diese Arbeit die Entwicklung von Pflanzen von deren Aussaat bis zur Blüte oder Ernte, sie lernen die Lebensbedingungen von Pflanzen kennen und die Bedeutung gärtnerischer Maßnahmen verstehen.

Die Idee
Es gibt auf dem Gelände der Gartenarbeitsschule Neukölln eine Fläche im nördlichen Teil, die von Obstbäumen bewachsen ist, im Süden an die Bearbeitungsbeete der Schüler grenzt und nach Westen und Osten von Wirtschaftsgebäuden (Garagen, Schuppen) und einer Schaubeetanlage.

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In diesem Bereich stehen Bänke aus Holzstämmen, auf die sich die ermatteten Schüler nach getaner Arbeit niedersinken lassen können, allerdings nicht im Schatten. Um den Platz zu einem Schattenplatz aufzuwerten, damit dort auch Vor- und Nachbereitung der Arbeit an den Schülerbeeten stattfinden kann, soll dort eine Baumspinne – Kunstbaumspinne nach einem Weidenbauprojekt von Marcel Kalberer gebaut werden.

Die Verarbeitung von Weide in der schulischen Ausbildung von Gärtnern, Gärtnermeistern, Gartenbautechnikern und -Ingenieuren finden überwiegend im Rahmen von „Lebendverbau“ also ingenieurbiologische Bauweisen – Böschungs- und Ufersicherung – statt.
Der „Bauboom“ von Weidenhütten, Weidendomen und die Themen Baubotanik und Baubiologie werden in der Ausbildung bestenfalls kommentiert zur Kenntnis genommen.

Das Ziel
Die Weidenspinne – so sie denn so genannt werden soll – wird von Reha-Auszubildenden verschiedener Ausbildungsberufe der TÜV Rheinland Akademie im Rahmen eines Kunstworkshops gebaut, welches gleichermassen das handwerkliche Können als auch die soziale Interaktion zum Schwerpunkt hat.
Zentriert wird der Bau von einem Seminar für angehende Gärtnermeister und Gartenbautechniker der Peter-Lenné-Schule – Staatliche Fachschule für Gartenbau Berlin und interessierte Studierende der Beuth Hochschule für Technik Berlin sowie anderer Fach- und Hochschulen im deutschsprachigen Raum.
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Die Inhalte
Bei dem Workshop sollen die Teilnehmer nach kurzer Einarbeitung und Unterweisung
– handwerkliche Fertigkeiten erwerben
– feinmotorische Fertigkeiten vertiefen
– interdisziplinär agieren
– soziale Kompetenzen ausbauen
– Kreativvermögen erweitern
– Entwicklungsreize empfangen
– Persönlichkeitsperformance schärfen.

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Das Seminar soll den Stand der Technik vermitteln bezüglich
– Pflanzenkenntnis und Botanik
– Verarbeitungs- und Erntetechnik
– Beschaffung
– Normierung und Allgemeine Technische Vorschriften
– Haltbarkeit und Sicherheit
– Ausschreibung und Vergabe
– Statische Tauglichkeiten und Grenzen
– Pflege und Wartung, Verkehrssicherung

Die Gartenarbeitsschule soll nicht nur von dem Ergebnis profitieren, sondern auch in die gärtnerische Ausbildung vernetzt werden als „grüner Lernort“ nicht nur für Schüler der allgemeinbildenden Schulen.

Zeitplan
Vorgesehen ist der Zeitraum vom 15. – 26. März 2010 mit den Phasen
A: Vorbereitung, Ernte und Lagerung der Weiden vom 15.03.-19.03.2010
B: Seminar mit Marcel Kalberer am 21.03.2010
C: Bau der Weidenspinne vom 22.03.-26.03.2010

Nun ist das Weidenhaus fertig. Das Seminar musste mangels einer ausreichenden Anzahl an Anmeldungen leider ausfallen. Die Teilnehmer des Workshops kamen nur aus der gärtnerischen Berufsausbildung. Zu wechselnden Besetzungen waren zwei Auszubildende des 1. Ausbildungsjahres, 9 Auszubildende des 2. Ausbildungsjahres und 7 Auszubildende des 3. Ausbildungsjahres aktiv.

Den größten Teil der Weiden wurden uns vom Naturschutz- und Grünflächenamt des Bezirkes Neukölln zur Verfügung gestellt. Die vorsortierten Weiden wurden gereinigt, beschnitten und nochmals sortiert.

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Zeitgleich beschäftigte sich eine Gruppe mit vorbereitenden Arbeiten. Es wurde Baufreiheit geschaffen, Sitzbänke wurden umgesetzt und ein Apfelbaum verpflanzt.

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Eine dritte Gruppe begann mit dem Einmaß der Fundamente. 8 Spinnenbeine wurden in einem Radius von 3 Metern mit einem Abstand 2,35 m verteilt. Die Gruben wurden 40 cm x 40 cm breit und 80 cm tief ausgekoffert. Der Aushub wurde mit Sand abgemagert.

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Eine vierte Gruppe baute aus Schnureisen eine Schablone für die Spinnenbeine im Abstand von 15 cm. In diese Schablonen wurden die Weidenzweige gelegt, mit einer Überlappung von 80 cm und mit sich verringernder Dicke der Weidenzweige. Dann wurden die Weidenbündel alle 60 cm mit Kokosstrick gebunden.

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In 4 Tagen wurden alle 8 Spinnenbeine gebunden und aufgestellt. Der zweite Teil der Bauphase begann mit dem Bau der Verstrebungen, die halbkreisförmig jedes zweite Bein verband. Dazu wurden die Beine an einer Stelle wieder geöffnet, es wurden Weidentriebe herausgenommen und mit den Verstrebungen verbunden.

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Auch für den Bau der Verstrebungen gab es Vorgaben. So sollten an den Enden jeweils zwei 40 cm lange Weidenäste aus dem Bogen herausragen und mit 4 gleich dicken Ästen umwickelt werden. Diese Bündel wurden dann noch mit Weidenreisig „aufgefüllt“. Alle Überlappungen sollten in der Kranzbindetechnik – die Enden der Zweige werden von den Spitzen überdeckt – ausgeführt werden. Den ungeübten Landschaftsgärtnern fiel dies nicht leicht. An den Überlappungen sollte gebunden werden, damit die Schnittstellen der Weidenzweige nicht zu sehen sind.

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Nach weiteren 2 Werktagen feierten wir ein kleines Richtfest, welches gleichzeitig die Eröffnung der Grillsaison war. Zusätzlich bekam das Weidenhaus eine Mittelstütze in Form einer Trauerweide, die allerdings in meiner Vorstellung erheblich größer war als in der Wirklichkeit. So bauten wir das Spitzdach zu einem Kuppeldach um, um der Trauerweide eine Chance zu geben, das spätere Dach zu werden.
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Das Feintuning schleppte sich noch mal 3 Tage hin – die Streben wurden verändert, zwei Beine verkürzt, zwei verschiedene Arten von Weidenzäunen als Wände eingebaut. Auch da stellte sich heraus, dass linke Hände erst mit Übung zu rechten Händen werden….. jedenfalls waren die linken Hände zuerst in der Mehrheit.

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Da auf dem Gelände Schafe weiden, die auch mal Kopfschmerzen bekommen können und dann die Weidenrinde als Bio-Aspirin verknabbern, umgaben wir die lebenden Weiden noch mit einem Drahtgeflecht.

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Nach 9 Tagen verließen wir die Gartenarbeitsschule erschöpft, aber glücklich mit dem Wunsch, solche Projekte öfter durchzuführen.
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Alle Bilder © Thomas Lamp via flickr

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