Für artige Frauenzimmer

Im Zuge meiner kleinen „WelcherBotanikerhatdennheuteGeburtstagReihe bin ich in meinen Ermittlungen auf Jean-Jacques Rousseau (* 28. Juni 1712 in Genf; † 2. Juli 1778 in Ermenonville bei Paris) gestossen.
Jean-Jacques Rousseau war ein französisch-schweizerischer Schriftsteller, Philosoph, Pädagoge und Komponist. Er schrieb u.a. Zehn Botanische Lehrbriefe an die kleine Tochter einer Freundin, in denen er Grundlagen des Pflanzensammelns und Herbarisierens beschreibt. Diese habe ich mir besorgt und ich muss sagen, bei der Lektüre sind mir verschiedene Lichter aufgegangen.

Erst mal, weil mir die „polytechnische Oberschule (POS)“ gefehlt hat, wie mir gehässigerweise gleich unter die Nase gehalten wurde, und weil ich offensichtlich im Fach Naturkunde nicht aufgepasst habe. Jedenfalls muss ich gestehen, dass mir weite Teile der Botanik, insbesondere die Familienklassifizierungen anhand des Blütenaufbaus, mental fremd geblieben sind. Durch meine anthroposophische Erziehung habe ich mich dem Thema eher ganzheitlich genähert, was die Pflanzenbestimmung mitunter zu aberwitzigen Umwegen verleitet. (Das dahinten – ungefähr 2000 Meter nordwestlich – an der Böschung zur Spree ist ein Alnus glutinosa, wegen dem typischen umgekehrt herzförmigen Habitus, weil er am Wasser steht und der Bus 101 da lang fährt – ist doch klar!) Wie dem auch sei, während und nach der Lektüre der zehn botanischen Lehrbriefe bin ich um einiges schlauer geworden, was den Blütenaufbau betrifft. Rousseau hat sich nämlich die Mühe gemacht, in Schritt-für-Schritt Folgen rein verbal (ohne Bilder mit Buchstaben oder Ziffern) zu erklären, auf was es in der Blütenmorphologie ankommt, wo man genau hinschauen muss. Und diese herzallerliebste Sprache!
Leider fehlen in der gut bebilderten Ausgabe die letzten beiden Briefe.
Leider will auch meine Liebste kein artiges Frauenzimmer sein und hat den Empfang des Buches kühl verweigert.
Was mich dann auch interessiert hat, ist der Umstand, dass Jean-Jacques Rousseau schon zu seiner Zeit über die Benennung der Pflanzen hergezogen ist. Im 9. Brief schildert er recht anschaulich die Benennung der Pflanzen mit den damals üblichen Beschreibungen als Namen. Leider leider hat er versäumt, für die Beispiele die jeweilige Pflanze zu nennen. So steht da nun der bandwurmartige Name, mit dem man nichts anzufangen weiss.
Zitat:
„Gelehrte wie Herman, Rivin, Ray machten Vorschläge. Doch die Methode des unsterblichen Tournefort siegte. Als erster ordnete er das Pflanzenreich nach systematischen Grundsätzen, erneuerte zum Teil die Nomenklatur von Kaspar Bauhin und fügte neuentdeckte Artnamen bei.“ 1)
Vor Carl von Linné haben also schon Botaniker nach blütenmorphologischen Gesichtspunkten das Pflanzenreich geordnet.

„Leider blieben die langatmigen schwerfälligen Wortfolgen bestehen, ja, er war weit davon entfernt, sie abzuschaffen, denn seine Methode zwang ihn, die alte Manier beizubehalten. Deshalb wurde ein barbarischer Brauch zur guten Gewohnheit, d.h. neue Namen wurden mit alten verbunden mit diesem widersprüchlichen »qui quae quod«, was aus einer Pflanze oft zwei verschiedene Arten gemacht hat! Zum Beispiel:
»Dens leonis qui pilosella folio minus villoso: Dorio quae Jacobaea orientalis limonii folio: Titanokeratophyton quod Liophyton marinum albicans.« “
2)
Nun ist die Quelle nicht so eindeutig. In „TRANSACTIONS or THE LINNEAN SOCIETY. VOLUME IX., XVII. Observations respecting several British Species of Hieracium. By James Edward Smith“ wird vermutet, es handele sich um Pilosella major, kann aber auch Hieracium pilosella bedeuten.

„Wie unverständlich und plump das alles war – diese häßlichen Wortfolgen, Satzperioden! Um zu beweisen, daß ich wirklich nicht übertreibe, will ich nur eine davon zitieren:
»Gramen myloicophorum carolinianum seu gramen altissimum, panicula maxima speciosa , e specis majoribus compressiusculis utrinque pinnatis blattam molendariam quodam modo referentibus , composita, foliis convolutus mucronatis pungentibus.« Almag. 137.“
3)

Schon das erste Wort legt nahe, dass es sich um ein Gras handeln muss kann. Nachforschungen im Species Plantarum ergeben tatsächlich eine Transscription zu Uniola paniculata.
Die Quelle ist auch nicht eindeutig. In der französischen Fassung findet man die Angabe „Almag. 137“; in der besprochenen Deutschen Ausgabe „Almac 137“
Gemeint kann sein:
Almagestum botanicum sive Phytographiae Pluc’netianae Onomasticon Methodo Syntheticâ digestum (1696)
oder
Almagesti botanici mantissa (1700)
oder
Amaltheum botanicum (1705)

Nehmen wir das „Almagestum botanicum sive Phytographiae Pluc’netianae Onomasticon Methodo Syntheticâ digestum“ von 1696 von Plukenetius und schlagen wir auf Seite 137 nach. Dort ist von Draba die Rede. Auf Seite 173 jedoch – Sherlock Holmes lässt grüßen – finden wir diesen Absatz, den ich aus Platzgründen mit dem Rest auf Seite 174 zusammengeschnitten habe:

Plukenetius173-174

(Klick auf das Bild öffnet größere Darstellung)

Wie komme ich jetzt auf Uniola paniculata?

Sucht Googelt man „Gramen myloicophorum carolinianum“
findet man in einer Text-Version von Species Plantarum by Carolus Linnaeus das hier:

UNIOLA.

[_paniculata._]

1. Uniola paniculata.

Uniola calycibus polyphyllis. _Gron. virg. 136._

Uniola. _Hort. cliff. 23._ _Roy. lugdb. 63._

Gramen myloicophorum oxyphyllon carolinianum. _Pluk. alm. 173. t. 32.
f. 6._ _Catesb. car. 1. p. 32. t. 32._

Habitat in _Carolina_.

(Klick auf das Bild öffnet die ganze Seite, 396kb)

Auch Linné bezieht sich auf Plukenetius Almagestum botanicum Seite 173. Somit ist der Beweis erbracht, dass

„Gramen myloicophorum carolinianum seu gramen altissimum, panicula maxima speciosa, e specis majoribus compressiusculis utrinque pinnatis blattam molendariam quodam modo referentibus , composita, foliis convolutus mucronatis pungentibus.“

Uniola paniculata ist.

Da ist uns doch einiges erspart geblieben. Jedenfalls wollen wir mal ganz stille sein, wenn sich mal wieder ein botanischer Name ändert. Mademoiselle Madeleine hatte es da sicher schwerer. Und leichter zugleich, weil sie so einen einfühlsamen Botaniklehrer hatte.

Schließen wir mit dem nächsten Absatz aus dem Buch von Jean-Jacques Rousseau:
„Hätte man dies Praktiken nicht aufgegeben, wäre dies das Ende unserer Botanik gewesen, nicht wahr? Unerträglich war dieser Zustand geworden. Eine Erneuerung war lebensnotwendig, ohne sie wäre der schönste, reichste und zugänglichste Teil der drei Naturwissenschaften unrettbar verloren gegangen.“ 4)

Jean-Jacques Rousseau war schliesslich auch Dramatiker.

1) J.-J. Rousseau – Zehn Botanische Lehrbriefe – für eine Freundin – Mit Illustrationen von P.J. Redoute.
Herausgegeben von Ruth Schneebeli-Graf
insel taschenbuch 366
1. Auflage 1979
Seite 110-110
2) ebd ff.
3) ebd ff.
4) ebd ff.

Links
Genera Plantarum bei Wikipedia, mit Links zur Originalausgabe.
JEAN JACQUES ROUSSEAU – FRAGMENS POUR UN DICTIONNAIRE DES TERMES D’USAGE EN BOTANIQUE. Der Text des französischen Originals.
Almagestum botanicum sive Phytographiae Pluc’netianae Onomasticon Methodo Syntheticâ digestum
Botanisieren mit Jean-Jacques Rousseau
Mark Catesby
Bild von Uniola paniculata vom Catalogue of the Botanical Art Collection at the Hunt Institute

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